Wie man eine Seele fickt

Wer meinen Blog schon länger verfolgt, weiß, dass ich seit gefühlten Dekaden Single bin. Manchmal fühle ich mich wie die junge Carrie Bradshaw, auf der Suche nach dem Richtigen, nur halt eben in Frankfurt und mit weniger teuren Klamotten. Ich bin mir sicher, dass Mr. Big noch meinen Weg kreuzen wird. Aber bis dieser Fall eintrifft, gilt es noch viele Frösche zu küssen. Vor allem ein Frosch ist mir in den letzten Monaten besonders häufig unter die Lippen gekommen (Zweideutigkeit at its best): die Spezies des Seelenfickers, ein Begriff, der dem Podcast „Beste Freundinnen“ entstammt. Das Wort ist euch neu? Freut euch, oder auch nicht, denn das bedeutet, dass euch entweder noch keiner begegnet ist oder aber, und das ist die schlechte Nachricht, dass der Seelenficker seinen Job zu 100% beherrscht und ihr noch nicht bemerkt habt, mit was für einem Soziopaten ihr es zu tun habt.

Vor mehreren Wochen war mein Leben rosa. Ich hatte jemanden kennengelernt, den ich zum ersten Mal nach Monaten eine ernsthafte Chance einräumen wollte. Die Dates waren wunderschön, wir waren auf Anhieb auf einer Wellenlänge, konnten stundenlang quatschen, hatten die gleichen Interessen (in erster Linie Rotwein), wie man sich seinen perfekten Gegenpol eben vorstellt. Nach nur einer Woche passierte etwas, dass ich in vorherigen Blogartikeln bereits als größte Liebeserklärung des 21. Jahrhunderts beschrieb: er löschte Tinder. Mehr noch, er erzählte seinem Umfeld von mir.

Wow, Konfetti und Feuerwerk on my mind. Aber Vorsicht ist geboten!

Deshalb hier Punkt Nr. 1: der Seelenficker gibt dir das Gefühl, dass er es ernst meint, tut es aber nicht. Er ist überdurchschnittlich offen und vermittelt auf diese Weise noch mehr das Gefühl von Vertrautheit und dem Gefühl des einzigartigen Charakters eurer, nennen wir es, Beziehung. Mit der Offenheit impliziert er eine Zuversicht, die ihn aber nur dazu befähigt, noch mehr Macht über dein kleines, naives Herz zu besitzen. Denn was hinterlässt diese Art des sich Gebens bei der Frau? Ganz klar, er möchte sich dir anvertrauen, denn du bist anders als die Frauen, die er vor dir hatte, über die er sich gekonnt auslässt, um bei dir das Gefühl der Erhabenheit über seine Verflossenen auszulösen.

Schon mal darüber nachgedacht, dass dies eine Masche sein könnte und er das immer so macht?

Punkt Nr. 2: Er ist unzuverlässig, aber erzählt dir das Blaue vom Himmel. Seine Eltern kennenlernen nach zwei Wochen? Klar, warum nicht. Zumindest lädt er dich dazu ein. Ob dieses Treffen jemals stattfinden wird? Eher nicht. Die Eltern ins Spiel zu bringen, katapultiert das, was ihr euch da scheinbar gerade aufbaut in eine ganz neue Ernsthaftigkeitssphäre. Und wieder fühlt man sich ein kleines Stückchen näher am Ziel. Aber um zurück auf die Unzuverlässigkeit zu kommen. Jetzt, wo du dich im Gefühl der Sicherheit wiegst, fängt er an dich zu versetzen. Du denkst nicht darüber nach, denn er hat seine Eltern ins Spiel gebracht. Es ist also alles in Ordnung.

Aber Freunde, das ist es nicht. Es ist nicht in Ordnung dich für Banalitäten zu versetzen. Ein Mensch, der dich gerade in der Anfangsphase nicht sehen will, der will es später erst recht nicht. Und die Eltern lässt man auch aus dem Spiel, so lange das möglich ist und man es nicht wirklich ernst meint.

Punkt Nr. 3: Er hat Tinder nicht wirklich gelöscht. Überraschung! Seelenficker sind Narzisten, weshalb sie sich ungern auf einen Menschen festlegen, dafür ist ihr Erbgut doch viel zu schöööööön, um es nur an einen Menschen weiterzugeben. Und Tinder oder eher Tinder Plus ist dafür die perfekte Plattform. Klingt logisch oder?

Auch das ist nicht okay, zeugt aber von einem ziemlich kleinen Selbstbewusstsein. Nicht klein, winzig sogar. Denn wer Bestätigung von vielen (Frauen) braucht, der weiß definitiv nicht um seinen Wert. Der Seelenficker mag den Spruch Qualität vor Quantität schon seit der Schule nicht.

Punkt Nr. 4: Der Seelenficker schleicht sich aus deinem Leben. Er würde dir niemals ins Gesicht sagen, dass alles nur Show war, dazu hat er nicht den Mumm. Deshalb wendet er eine ganz einfache Technik bei dir an: das Ghosten. Warum und wann tut er das? Ganz einfach, ab dem Moment, in dem du Gefühle entwickelst. Davor hat er nämlich Angst, weil er sie nicht erwidert und er sich der möglichen Konsequenzen von Gefühlen bewusst wird.

„Seelenficker verhält sich zu Gefühlen wie Teufel zu Weihwasser.“

Jemanden sein Desinteresse offen ins Gesicht zu sagen, bedarf einer gehörigen Portion an Courage und die hat er nicht. Deshalb schleicht er sich lieber durch die Hintertür raus und das piano, piano über WhatsApp. Er fängt an sich unregelmäßiger zu melden, in der Hoffnung, dass du ihm gleich tust und auf diesem Wege sein fehlendes Interesse begreifst. Clever oder? Und im besten Falle gibt er dir zu verstehen, dass du daran die Schuld trägst, weshalb es nicht geklappt hat. Und dann ist er einfach weg. Ohne, dass du einen wirklichen Grund kennst, aber natürlich gibst du dir brav selbst die Schuld. Er hinterlässt Schuldgefühle und einen faderen Beigeschmack als Hühnerbrühe im Krankenhaus.

Und das ist dann auch schon der größte Fehler, den man machen kann. Wenn ich aus meinem mehrfach frakturierten Herzen eines gelernt habe, dann dass man selbst keine Schuld trägt. Man ist nicht Schuld daran, dass der andere sich nicht festlegen möchte, obwohl man alles gegeben hat. Das ist ein tiefschürfendes Problem des Gegenübers und hat überhaupt nichts mit deiner Persönlichkeit zu tun. Ihr könnt den anderen maximal bedauern, dass er getrieben ist und sich nicht zu 100% einlassen kann.

Ein weiterer Fehler ist, nicht mehr zu vertrauen. Mit der eben ausführlich beschriebenen Art Mensch gibt es kein gutes Ende. Nie. Auch wenn man das allzu gerne glauben würde, dass man es schafft, diesen Menschen zu ändern. Glaubt mir, ich hab es zu oft erlebt, es geht nicht. Niemals. Werdet trotzdem nicht zu Pessimisten. Vertraut weiterhin, denn eine Beziehung lebt davon. Auch wenn ihr das Risiko eingeht auf ein falsches Spiel reinzufallen. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“, würde meine Oma sagen und Omas haben bis auf die Portionsgröße eines Mittagessens immer recht.

Vielleicht konnte ich euch ein wenig für euer Gegenüber sensibilisieren, denn Seelenficker bleiben mit ungeschultem Auge weitestgehend unbemerkt, das ist die Crux. Vielleicht hilft dem einen oder anderen mein kleiner Guide, dann wäre mein mehrfaches Reingefalle auf diese Spezies wenigstens für Dritte von Vorteil. Ich gebe die Hoffnung auf Mr. Big nicht auf, obwohl ich über meinen Singlestatus momentan in keinster Weise traurig bin. Also einfach abwarten, Tee trinken und gespannt sein, was das Leben noch in petto hat.

Geht raus und liebt, denn Liebe ist das Schönste! Ich werde das Gleiche tun und das mit so viel Leidenschaft, wie ich meinen Tee trinke (also heiß und schnell, hehe.)

Comments

  1. says

    Sophie, wir müssen dringend einen Wein zusammen konsumieren!!! 😀 i love the way, wie du Texte schreiben kannst. Wahnsinn. Hab mich so krass in diese Story reingefühlt! Kopf hoch, weiter gehts!

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