Die Gemeinsamkeiten von Tinder und Nutella und warum Dates schrecklich sind

Für Schöni, der mich so vollendet, der mich so bewegt und trotzdem an den falschen Stellen lacht.

Wir treffen gute und schlechte Entscheidungen. Pizza mit Ananas als Belag im Restaurant zu bestellen, fällt zum Beispiel in die Kategorie schlechter Entscheidungen. Hätten die Italiener gewollt, dass Pizza süß ist, wäre diese auf der Dessertkarte gelandet. Einmal im Monat zur Maniküre zu gehen, ist eine gute Entscheidung. Kostest zwar Geld, spart einem aber irre viel Zeit, die man sonst auf Nägellackieren verschwenden würde.

Unser Leben ist das Ergebnis all dieser Entscheidungen, ob wichtig oder unwichtig. Wir sind so unfassbar privilegiert.

Privilegien beschützen uns nur leider nicht vor Dummheiten, weil diese eben nicht ausgeschlossen sind. Sophie, merke dir das.

So standen mir letztes Jahr alle Entscheidungstüren offen, als ich nach fast 3 Jahren Beziehung wieder als Single durch Frankfurt lief. #privileg

Niemand braucht sich etwas vorzumachen. Es fühlt sich seltsam an, nach einer langen Zeit wieder „alleine“ zu sein. Es ist ungewohnt und manchmal auch einsam, weshalb man, schieben wir es auf die Trunkenheit aus Selbstmitleid, eine Entscheidung trifft und sich auf Tinder anmeldet.

Früher hat man sich zur Verdrängung eine Packung Ben & Jerry’s gekauft und Dirty Dancing geguckt. Heute lädt man sich einfach eine App runter.

Tinder fühlt sich wie ein Gemischtwarenladen der Partnersuche an, aus dem man sich nur das Leckerste aussucht. Ist eigentlich ein schönes Bild, oder? Für das andere Geschlecht gilt diese Metapher allerdings auch. Aber dazu später mehr.

Alles geht dann ziemlich schnell. Erster Schritt: Profil erstellen, Fotos hochladen. Diese sollten dich natürlich im besten Licht erscheinen lassen. Ich habe empirische Forschungen darüber durchgeführt, was am besten funktioniert.

Hier ist meine Erfolgsformel:

  1. Foto mit Ausschnitt. Aber nicht zu tief, sonst könnte man denken, dass du für das Date Geld nimmst und außerdem ein bisschen dumm und oberflächlich bist.
  2. Foto beim Sport, damit jeder gleich checkt, wie aktiv du doch bist und im Bett zudem noch Ausdauer hast.
  3. Foto mit Freunden. Suggeriert, dass du kein Soziapath bist und man ein Date mit dir auch ohne Pfefferspray in Angriff nehmen kann. Und ganz wichtig:
  4. Foto beim Work & Travel in Australien, optional noch mit Känguru auf dem Arm. Vermittelt unfassbare Weltoffenheit, Individualität und Abenteuerlust. Jetzt noch schnell in der Profilbeschreibung erklären, was für eine fantastische Partie man doch ist, fertig ist das Tinder-für-fickrige-Singles-Starter-Kit.

Erste Dates werden arrangiert. And you are in.

Natürlich sind diese anfänglichen Treffen super aufregend, weil die Situation neu ist, nach gefühlt 100 Jahren Wifey-Dasein mal wieder was anderes zu sehen als die Couch. Anfangs, Leute, anfangs: Sagen wir, die ersten 3 Male.

Das Ganze verliert allerdings schneller an Glanz und Gloria als die neue Staffel Germany’s Next Topmodel.

Zudem bemerkt man ziemlich fix, dass je mehr Dates du absolvierst, die Gleichgültigkeit Einzug hält. Was vielleicht auch daran liegt, dass man jedes Mal den gleichen Bullshit von der Datingkassette abspult. Jedes Mal die gleichen öden Themen von Studium, Auslandsaufenthalten, Lieblingsessen, der Familie, Katzenallergien und Grenzerfahrungen in der australischen Wildnis. Dabei trinkt man Weißwein in rauen Mengen, weil der Fluchtinstinkt einsetzt und man sich nur noch so vom Weglaufen abhalten kann. Außerdem zahlt man als Frau sowieso nie die Rechnung, also rein damit.

Sorry, aber fuck ist das langweilig und deprimierend.

Ich muss erwähnen, dass ich einer dieser naiv, romantischen Seelen bin, die an die große Liebe glaubt. Weshalb man vermutlich diesen ganzen Mist über sich ergehen lässt, um vielleicht doch noch diesen einen Menschen zu finden. Und mit Mist meine ich diese rasende Geschwindig- und Oberflächlichkeit, diese unfassbar, unverschämten Anmachen und die Ruhelosigkeit, die Tinder vermittelt. Denn natürlich schreibt man nicht nur mit einer Person, sondern mit zehn. Und natürlich trifft man sich nicht nur mit einer Person, sondern mit mehreren. Was aber, wenn man sich auf jemanden festlegen will oder im schlimmsten Falle sogar richtige Gefühle im Spiel sind?

Da wird es knifflig. Denn Dank der Philosophie dieser App ist das ja eigentlich kaum noch möglich, weil jeder versucht, mit dem nächsten Wisch das Jackpot-Match zu erwischen, mit dem alles vielleicht noch fantastischer ist. Er, der Eine, der Tinder einzig und allein für dich löscht. Die größte und schönste Liebeserklärung, die das 21. Jahrhundert hervorzubringen vermag.

Und so tindert man ewig weiter und wird Schritt für Schritt unzufriedener, weil man immer noch etwas Besseres erwartet, es aber nicht kommt.

Wow, ist das traurig. Ich glaube nicht, dass Walt Disney oder die Macher amerikanische Kitschfilme wollten, dass es so mit unserer Generation zu Ende geht. Stelle man sich die Zeichentrickfilme der Zukunft mal vor: Prinz trifft Cinderella auf Tinder, kann sich aber nicht zwischen ihr und Schneewittchen entscheiden, weil er Angst hat, dass ihm etwas entgeht. Die Zwerge werden aus Kummer kokainabhängig. Cinderella läuft bis an ihr Lebensende mit nur einem Schuh durch die Gegend. Kein Happy End. Ergo, Tinder zerstört den Traum vom großen Märchen.

Ich will kein Teil dieser bindungsunfähigen Welt sein. So sehr nicht, dass ich die App nach langer Überlegung gelöscht habe. Natürlich hat es Spaß gemacht. Ich hab tolle Menschen kennengelernt, die ich ohne Tinder niemals getroffen hätte und war in wunderschönen Restaurants und Bars.

ABER: Diese allgegenwärtige Unverbindlichkeit hat mich dennoch fast in den Wahnsinn getrieben. Der Gedanke, dass sich jemand mit mir gerne trifft, das Gleiche aber auch noch mit anderen tut, weil das ja jeder so macht, war für mich irgendwann unerträglich. Klar hört man immer wieder Stories von Paaren, die sich über die App kennen und lieben gelernt habe. Aber ganz ehrlich, diese Geschichten bilden doch nur die Strohhalme, an denen sich Leute, wie ich es auch einer bin, dann krampfhaft festklammern.

Und darauf habe ich keine Lust mehr. Deshalb gönne ich meinem Herz eine Pause. Und meinem Körper, der ganz erschöpft ist, vom vielen Weißweinkonsum der letzten Monate. Auch wenn das bedeutet, dass ich noch eine Weile alleine auf der Couch liege. Denn auch das hat Vorteile. So verurteilt mich wenigstens niemand, wenn ich Salzstangen in Nutella dippe. Denn wie sagte Goethe schon so schön? „Zufällig sieht man sich, man fühlt, man bleibt. Und nach und nach wird man verflochten.“ …Auch wenn sich dieser Satz gerade nur auf die Beziehung zwischen mir und einer Nussnougatcreme projizieren lässt, ich bin Optimist. Das Nutella-Glas ist halb voll! Irgendwann wird auch wieder zu zweit gedippt, mit jemandem, der sich auf ein Nutella-Glas festlegen will. Tinder, I’m out!

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Comments

  1. says

    Haha, so wahr und doch irgendwie traurig. Nach meiner Trennung bzw. eigentlich schon davor hab ich mir natürlich auch Tinder runtergeladen. Aber den einzigen Spaß, den ich damit hatte war, dass ich mit einer guten Freundin beim Wein trinken geswipt habe. Getroffen hab ich mich nie mit einem, ich war von den ganzen 0815-Chats schon so gelangweilt. Und ich bekomme es eh nicht mal hin, meinen engsten Freunden auf ihre Nachrichten zu antworten. Außerdem find ich Dates so schrecklich anstrengend…. Tinder wurde also dann doch wieder (aus gutem Grund) gelöscht. 🙂 Beste Grüße aus Fulda!

  2. Caroline says

    Hey, ist es nicht wahnsinnig hilfreich, das Gefühl von Demütigung einmal am eigenen Leib gespürt zu haben….? Nicht wirklich. Dank Tinder hatte ich vorübergehend die Verhaltensmuster eines Menschen angenommen, dessen Gehirn sich noch im Reifungsprozess befindet und von einer hormonellen Sintflut getränkt wird (Frühpubertät). Nachdem ich die Top Ten der lahmsten Aufreißsprüche noch überlegen belächelte und damit ganze Mädelsabende ihren humoristischen Inhalt gefunden hatten, wurde ich von einem ganz durchtriebenen Modell an meiner Schwachstelle erwischt. Er gab mir das Gefühl, the one and only zu sein. Oh ja. Das kommt für das kleine Mädchen in uns gleich nach „ich wünsche mir ein Pony“. Die Kunst des perfekten Schwindlers besteht ja gerade darin, dass alles so täuschend echt wirkt. Banal aber wirkungsvoll. Dieser Mann jedenfalls sollte Seminare geben oder sozialpsychologischen Studien dienen. Ich habe mir ordentlich die Flossen verbrannt und habe mit Tinder und Co. abgeschlossen. Teufelszeug.

  3. says

    #WORD. Hab ich quasi ähnlich gemacht. Ist ja ganz spannend nach so einer Trennung. Du hast mir aus der Seele gesprochen und es ist traurig, dass man sich überhaupt auf so einem Menschenmassenmedium angemeldet hat. Aber hey, jetzt wissen wir, wie dumm es ist. Toller Artikel <3

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