About the city

Ich lebe in Frankfurt. Emil mein Mops nicht, der ist bei meinen Eltern auf dem Land geblieben, weil er Angst vor Rolltreppen hat. Außerdem meint er, werden seine Pfoten so schnell dreckig und das kann er gar nicht leiden, wenn er sich seine Nägel versaut! Das finde ich sehr schade, weil ich ihn doch so gerne bei mir habe. Diese Zeit ist jetzt leider nur auf das Wochenende limitiert. Aber Emil, wir holen das nach, Mops-Ehrenwort! Andererseits kann ich ihn doch nur zu gut verstehen. Warum tut man sich nur diesen Großstadtwahnsinn an? Jeden Morgen und Abend die Bahn kriegen, die immer zu früh kommt und ich immer pünktlich, weshalb ich sie verpasse. Erkläre mir bitte einer diese Logik? Momentan ist es draußen recht kalt, weshalb ich einen schönen warmen Mantel trage, in Bus und Bahn herrscht jedoch Bikiniwetter und es ist eng und vollgestopft, was ein Ablegen der Jacke irgendwie unmöglich macht. Deshalb löse ich einfach die Wirkung der vorher vollzogenen Dusche auf und schwitze vor mich hin. So wie das jeder macht, weshalb es ja auch nicht auffällt, dass die Heizung völlig überstrapaziert wird und sich eigentlich nur der Busfahrer im T-Shirt wohlfühlt. Über die Sitzplatzauslastung brauchen wir überhaupt nicht zu reden, die könnten zur Rushhour in doppelt und dreifacher Ausführung vorhanden sein. Aber wenn ich mal einen ergattere, spielt sich jedes Mal das gleiche Ritual ab. Ich mustere den Sitz von oben bis unten, checke ab, ob sich da eventuell eine Spritze verirrt hat, untersuche den Sitzplatz auf unangenehme Gerüche und auf das richtige Umfeld, ich möchte mich ja schließlich in guter Gesellschaft wissen und nicht neben einem vor Bakterien nur so triefenden, vor sich hinschnupfenden Kleinkind sitzen, das gerade mit seinen Händen irgendwo rumgegrabbelt hat. Wenn der Platz diese Belastungsprobe tadellos bestanden hat, setze ich mich, aber auch nur wenn er sich nicht gegen die Fahrtrichtung befindet, weil sonst könnte mir ja ganz schlecht werden. Ja ich bin neurotisch. Auf dem Rückweg ist das übrigens der gleiche Ablauf, nur mit geänderter Fahrtrichtung. #Zwangsneurose Diesen Mittwoch in der Bahn hatte ich meinen Traumplatz gefunden und konnte den ganzen Wagons überschauen. Ich kam ins Nachdenken, Vertrauen, das fiel mir ein, wir haben so viel Vertrauen. Sitzen in einem Zug voll mit Menschen die wir nicht kennen. Jeder vertraut darauf, dass er sicher von A nach B kommt, keiner den anderen angreift und alle wohlwollend sind. So sind Menschen aber nicht, daran werden wir leider immer wieder erinnert. Das zeigt auch das Beispiel Paris, Charlie Hebdo. Ein sehr trauriges Kapitel Frankreichs, das uns aber dennoch alle betrifft. In meiner kuschligen Heimat habe ich diese Angst und dieses voreingenommene Denken nicht, man kennt sich und weiß den Anderen einzuschätzen. Seit kurzem gibt es einen Spruch in meinem Leben, den ich mir in für mich komischen Situationen immer wieder vor Augen führe. „Let your faith be bigger than your fear.“ An besagtem Mittwoch stieg plötzlich ein Mann in die Bahn und setzte sich mir gegenüber. Gegen die Fahrtrichtung, er konnte nur komisch sein, denn wer macht denn so was? Ich beobachtete ihn, er führte Selbstgespräche. Mein Herz pochte. Was ging in seinem Kopf vor? Er machte mir mit seinem Psychoverhalten Angst. Später beim Aussteigen sah ich ihn, wie er einer Frau mit Kinderwagen half diesen die Treppe runter zu manövrieren, während sich die anderen nur darum bemühten pünktlich auf die Arbeit zu kommen. Ich schämte mich für meine miesen Gedanke. Und erst jetzt viel mir auf, dass dieser Mann mit der Gebetskette wohl keine diffusen Selbstgespräche führte, sondern betete. So viel zu diesen dummen Vorurteilen.

Ich vor etwas

Ansonsten mag ich Frankfurt eigentlich ( wow, diese Überleitung). Es gibt so viele tolle Restaurants, Klamottenläden und Nagelstudios. Und Emil, ich kann dir sagen, das Beste ist, dass man keinen Termin braucht! Man muss also nicht eine Woche darauf warten sich Gel und Farbe auf die Nägel klatschen zu lassen und bis dahin vor Vorfreude auf das Endergebnis fast zu platzen. Du solltest das mal abchecken. Gestern war ich im Städel Museum, ein weiteres Plus Frankfurts, die Museenvielfalt. Kunst beeindruckt mich. Nicht alles aber einiges. Vor manchen Bildern muss man einfach stehen bleiben, weil einem ein Blick gut gefällt, die Farbwahl besonders ist oder weil man die winzigen Details erforschen möchte. Manche Dinge sind auch einfach scheiße und komisch. Aber wie ich gestern gelernt habe, unterscheidet das Gekritzel eines Geisteskranken zu manchen zeitgenössischen Künstler nur die Intention, nämlich dass es vorsätzlich Kunst ist oder halt eben nur gekrakel ohne Absicht. Aha. Kurzum, Emil du sollest mich besuchen kommen, hier ist es großartig und die Rolltreppen können wir umgehen, ich hoffe du stehst auf Aufzüge. Lass uns zusammen unsere Ängste überwinden in unserer ganz persönlichen Selbsthilfegruppe, für die Kinder vom Lande, die bis vor einem halben Jahr noch dachten, dass Busse nur bis 19:00 Uhr fahren und Partys ausschließlich in Bauwägen stattfinden. Cheers!

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